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Auf der anderen Seite der Linie

Auf der anderen Seite der Linie

Metallzeitung April 2014

Die Industrie lagert immer mehr Arbeit über Werkverträge aus. Besonders extrem ist das Wirrwarr aus Subfirmen bei BMW und Porsche in Leipzig. Ein Großteil der Produktion ist betroffen. Gut die Hälfte der Beschäftigten hat weniger Geld und unsichere Jobs. Doch die IG Metall hat in den letzten Jahren einiges erreicht: Immer mehr Beschäftigte haben Betriebsräte, Tarifverträge und mehr Geld.

Von Dirk Erb

 
Montage im Porsche-Werk Leipzig

© Foto: Porsche AG

Montage im Porsche-Werk Leipzig

 

Das Rolltor fährt hoch. Ein Elektroschlepper zieht kleine, mit Autoteilen bestückte Anhänger von der Versorgungshalle direkt an die Montagelinie des Porsche-Werks in Leipzig. Porsche-Beschäftigte in roten Latzhosen bauen dort den Geländewagen Cayenne, den Panamera und seit Neuestem auch den kleineren SUV Macan.

Die Teile bringen ihnen Beschäftigte der Firma Schnellecke in grünen Latzhosen. Einige Teile haben sie ein paar Meter weiter drüben in ihrer Versorgungshalle selbst vormontiert, etwa den Tank und den Himmel (die Innenseite des Dachs). Sie fahren mit ihren Elektroschleppern die Montagelinie entlang, liefern volle Anhänger ab und nehmen die leeren wieder mit. Dabei müssen sie jedoch immer auf ihrer Seite der weißen Linie bleiben. Die weiße Linie trennt die grünen von den roten Latzhosen – und bedeutet fast 500 Euro weniger Lohn.

 

Besser mit Betriebsrat und Tarif.

Früher war diese Kluft noch größer. Als Guido Machowski vor zwölf Jahren als Leiharbeiter bei Schnellecke anfing, bekam er 6,60 Euro in der Stunde. Heute ist er Betriebsratsvorsitzender – und die Schnellecke-Leute verdienen mindes­tens 10,51 Euro, Leiharbeiter etwa 10 Prozent weniger. Denn nach und nach haben die Beschäftigten ihre Arbeitsbedingungen verbessert, einen Betriebsrat gegründet und einen Tarifvertrag geholt. Mit Unterstützung der IG Metall und der Betriebsräte von BMW und Porsche.

Den Porsche-Betriebsrat im Glaskasten neben der Montagelinie trifft Machowski regelmäßig, wenn er seinen Rundgang im Werk macht. Aber auch mit den Betriebsräten der anderen Dienstleistungs- und Leihfirmen steht Machowski in engem Kontakt. »Wir haben über die IG Metall ein enges Betriebsrätenetzwerk geknüpft und tauschen uns regelmäßig aus.«

Über die Hälfte der Beschäftigten bei den Werkvertragsfirmen in Leipzig haben heute Betriebsräte, Tarifverträge und bessere Arbeitsbedingungen. Schnellecke und Rudolph (Logistik) sind bis auf 80 Prozent der Löhne bei BMW und Porsche herangerückt. Wisag (Achsenmontage), HQM (Zusammenfügen von Fahrwerk und Karosserie), Voith Industrial (Instandhaltung) und SAS (Armaturen) liegen knapp darunter. Bei FECT (Auspuffanlagen) haben die Beschäftigten gerade eine Tarifkommission gewählt, um mit dem Arbeitgeber zu verhandeln. Und die Kollegen bei Schedl (Radmontage) haben einen Betriebsrat gegründet. 

An weiteren Firmen ist die IG Metall Leipzig dran. Seit etwa einem Jahr wird sie dabei vom IG Metall-Vorstand durch das Projekt »just in time« unterstützt: Mit zwei Projektsekretären, die sich ausschließlich um die Organisierung und Vernetzung der Belegschaften kümmern. 

Bei vielen Firmen führt die IG Metall Leipzig derzeit parallel Tarifverhandlungen. Auch bei Schnellecke. Machowski ist zuversichtlich. Vor einem Jahr hieß es noch: »Ihr seid die Teuersten am Standort.« Doch dann hat Schnellecke einen neuen Auftrag erhalten und verdoppelt gerade seine Belegschaft auf 700, die aus anderen Werkvertragsfirmen herüberkommen.

 

Nach 30 Minuten steht das Band.

Versorgungshalle ist nur durch ein Rolltor von der Porsche-Montagehalle

© Foto: Porsche AG

Die Versorgungshalle mit den Teilen ist nur durch ein Rolltor von der Porsche-Montagehalle getrennt. Der Elektroschlepper fährt ab hier etwa 20 Meter.

 

Billig ist anscheinend doch nicht so entscheidend. Und das Wirrwarr der Werkvertragsfirmen kann auch leicht zum Bumerang für BMW und Porsche werden. Das haben einzelne Warnstreiks etwa bei Wisag und Rudolph gezeigt.

»Wir können BMW und Porsche innerhalb einer halben Stunde lahmlegen«, macht Machowski klar. »Wenn wir in den Warnstreik treten, steht bei denen das Band, noch bevor wir am Tor angelangt sind.«

Angst wie früher haben die Beschäftigten nicht mehr. Viele wandern jahrelang durch diverse Werkvertragsfirmen, in Leiharbeit und Befristung, ohne jemals eine nachhaltige Perspektive zu erhalten. Auch der Arbeitsmarkt hat sich gedreht: Qualifizierte Arbeitskräfte sind heute Mangelware in Leipzig. »Und schließlich kennen sich die Leute ja auch untereinander, etwa von Fahrgemeinschaften. Sie wissen, was bei BMW, Porsche und den anderen Firmen läuft – und was dort gezahlt wird«, erklärt Machowski.  »Die Firmen kommen und gehen. Die Leute bleiben. Nur die Latzhose ändert sich«

2200 Beschäftigte profitieren mittlerweile von der Arbeit der IG Metall und der Betriebsräte in Leipzig. Tendenz steigend. Doch das generelle Problem Fremdvergabe bleibt. Die Multi-Klassengesellschaft in den Betrieben besteht weiter: Stammbeschäftigte, Befristete und Leiharbeiter direkt bei BMW und Porsche, sowie Beschäftigte, Befris­tete und Leiharbeiter bei den Subfirmen.

»Wir machen nur Reparaturen an diesem System. Eine generelle Lösung haben wir nicht«, betont der Porsche-Betriebsrat Knut Lofski.

 

Schluss mit Jobben für Hartz IV.

Für die Betriebsräte und die IG Metall Leipzig ist daher klar: Wir brauchen bessere Gesetze, um den Missbrauch von Werkverträgen und Leiharbeit zu begrenzen: eine erweiterte Mitbestimmung für Betriebsräte bei der Fremdvergabe und bessere Standards bei den Arbeitsbedingungen.

Doch darauf wollen die Metaller in Leipzig nicht warten. Beispiele aus anderen Regionen zeigen, dass die IG Metall über Tarifverträge einiges tun kann. Etwa bei der Meyer Werft in Papenburg, wo der Betriebsrat bei der Vergabe mitbestimmt und Mindeststandards gelten. 

Dafür trommeln die Leipziger Metaller auch in den Medien und in der Öffentlichkeit. Mitte März etwa veranstaltete die IG Metall eine Themenwoche in Leipzig mit Filmen. Die Betriebsräte diskutierten mit den Besuchern. Politiker und der Journalist Günter Wallraff waren dabei.

»Unser Ziel ist ein einheitlicher tariflicher Ordnungsrahmen für alle Firmen hier am Standort. Wenn schon Fremdvergabe, dann zu ordentlichen Bedingungen«, macht der Leipziger IG Metall-Chef Bernd Kruppa klar. »Unsere ›weiße Linie‹ liegt bei 10,36 Euro. Genau der Stundenlohn, mit dem unsere Beschäftigten nach 45 Jahren Arbeit eine würdevolle Rente bekommen, ohne auf eine Aufstockung durch Hartz IV angewiesen zu sein.« 

 

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