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Werkverträge unter Kontrolle

Thyssen-Krupp: Werkverträge unter Kontrolle

Bis zu 5000 Beschäftigte von bis zu 1000 Fremdfirmen kommen täglich ins Stahlwerk von Thyssen-Krupp in Duisburg. Sie arbeiten meist zu deutlich schlechteren Arbeitsbedingungen als die Stammbelegschaft. IG Metall und Betriebsrat versuchen, die Fremdvergabe von Arbeit über Werkverträge unter Kontrolle zu bekommen und die Arbeitsbedingungen in den Fremdfirmen zu verbessern. Sie haben bereits einiges erreicht: neue Betriebsräte und Tarifverträge in den Fremdfirmen. Und schärfere Kontrollen. Von Dirk Erb, Metallzeitung

 
IG Metall-Sekrektär Benjamin Pankow im Gespräch mit Beschäftigten von Werkvertragsfirmen am IG Metall-Infostand

© IG Metall

 

Die Funken fliegen in der dunklen Halle. Die Beschäftigten der Firma LFB flämmen hier tonnenschwere, über 800 Grad heiße Brammen aus Stahl (Bild oben), die vomThyssen-Krupp-Stahlwerk wenige Meter weit herüberkommen. Die Halle liegt auf dem riesigen Gelände von Thyssen-Krupp in Duisburg – und gehört Thyssen-Krupp. LFB arbeitet über einen Werkvertrag, den der Auftraggeber Thyssen-Krupp jährlich beenden kann. Und die 56 LFB-Beschäftigten haben deutlich schlechtere Arbeitsbedingungen als die Thyssen-Kruppianer nebenan.

Doch seit gut drei Jahren, seit die Beschäftigten einen Betriebsrat wählten, hat sich einiges getan: Es gibt mehr Geld und weniger Druck. »Wenn wir früher krank waren, gab es keine Leistungsprämie. So bist Du schnell um Hunderte Euro herunter gerutscht«, erzählt ein Flämmer, der seit zehn Jahren hier ist. »Also haben wir auch mit 40 Grad Fieber weiter malocht.« Heute gibt es die Prämie auch bei Krankheit und Urlaub. 300 bis 500 Euro mehr im Monat. Und seit vergangenem Jahr einen Tarifvertrag. All das hat sich die Belegschaft Stück für Stück erstritten.

 

Einige sitzen in winzigen Bauwagen, Wellblechhütten und Containern, andere in großen Hallen. Sie sind überall auf dem riesigen neun Quadratkilometer großen Gelände des Stahlwerks von Thyssen-Krupp Steel in Duisburg. Bis zu 5000 Beschäftigte aus bis zu 1000 Fremdfirmenkommen hier jeden Tag rein. IG Metall-Sekretär Benjamin Pankow versucht, mit ihnen ins Gespräch zu kommen: An ihrem Arbeitsplatz – und am Infostand an ihren Waschkauen, wo sie sich nach der Arbeit den Dreck abduschen.

 

Angst, den Job zu verlieren

Pankow fragt, wie ihre Arbeitsbedingungen sind, und erklärt ihnen, wie es besser werden kann: mithilfe der IG Metall Betriebsräte gründen und gemeinsam Tarifverträge durchsetzen. Doch der Weg ist mühsam. „Die Leute haben Angst, ihren Job zu verlieren“, erklärt Pankow, der sich bei der IG Metall Duisburg-Dinslaken speziell um Werkvertrags- und Leiharbeitsfirmen kümmert. „Die meisten kennen ihre Rechte nicht. Und sie bekommen ja auch die Konflikte in den anderen Betrieben mit, in denen gewählte Betriebsräte gemobbt und Belegschaften eingeschüchtert werden.“

Es ist nicht nur die Angst, selbst rausgeworfen zu werden, sondern auch, dass die Firma den Auftrag verliert. Die Werkverträge haben oft kurze Laufzeiten. Viele Fremdfirmen-Beschäftigte trauen sich daher nicht, im Werk mit Pankow zu reden. Deshalb besucht er sie häufig zu Hause zu „Wohnzimmergesprächen“.

 

Auf einem guten Weg

Und doch geht es voran: In einer Reihe von Werkvertragsfirmen haben die Beschäftigten in den letzten beiden Jahren mithilfe der IG Metall Betriebsräte gegründet, etwa Stahltrans, Becker, LFB, AIST und DL Logistic, und in einigen bereits Tarifverträge durchgesetzt. Sie decken die Missstände auf und gehen sie an. Ein Betrieb etwa musste gerade 7 Beschäftigten mehr als 10.000 Euro Lohn nachzahlen. Zudem gibt es dort nun eine Beschwerdestelle, an die sich die Beschäftigten wenden können.

Das alles ginge nicht ohne die Betriebsräte von Thyssen-Krupp, die bei den Waschkauen-Aktionen dabei sind und den neuen Betriebsräten in den Fremdfirmen unter die Arme greifen. Der Thyssen-Krupp-Betriebsrat hat die Fremdvergabe von Arbeit zum Topthema gemacht und dazu einen eigenen Ausschuss gegründet.

In seinem Büro am Tor 1 klickt sich der Ausschussvorsitzende Wilfried Müller regelmäßig durch die Datenreihen mit den aktuellen Werkverträgen. Die bekommt er von der Werkleitung. Das hat der Betriebsrat durchgesetzt. „Wir können dort prüfen: Welche Firmenhaben haben wir auf dem Werksgelände? Wo und für welches Gewerk sind sie eingesetzt?“, erklärt Müller. Doch der Betriebsrat will mehr: Gerade verhandelt er eine Betriebsvereinbarung, die ihm Mitsprache bei der Vergabe  von Werkverträgen an sogenannte „Nachunternehmer“ sichert.

 

Rote Karte für unsaubere Subfirmen.

Unter schärferer Beobachtung sind die Nachunternehmer jetzt schon: Seit Anfang des Jahres gibt es bei Thyssen-KruppSteel die Abteilung „Nachunternehmermanagement“, die der Arbeitsdirektor und frühere Betriebsrat Thomas Schlenz aufgebaut hat. IG Metall-Mitglied Schlenz sitzt als Arbeitnehmervertreter im Vorstand bei Thyssen-Krupp Steel, dank der weitgehenden Mitbestimmungsrechte in der Stahlindustrie.

Ein zentrales Argument für Schlenz waren die Unfallzahlen: Bei vielen Fremdfirmen gab es zehnmal so viele Arbeitsunfälle wie bei der Stammbelegschaft, wegen teils krasser Sicherheitsmängel wie fehlender Schutzkleidung oder fehlender Sicherung in der Höhe. Und für die Arbeitssicherheit auf dem Werksgelände ist der Auftraggeber Thyssen-Krupp verantwortlich, ebenso wie für die Einhaltung des Mindestlohns.

Jetzt gibt es schärfere Kontrollen, bei denen Thyssen-Krupp eng mit den Kontrolleuren vom Zoll und anderen Behörden zusammenarbeitet: Wer schlampt beim Arbeitsschutz? Wer schickt seine Beschäftigten völlig verdreckt nach Hause? Wer verstößt gegen Gesetze? Und schließlich auch: Wer behandelt seine Beschäftigten unfair und behindert Betriebsräte? Dann gibt es Gespräche – und irgendwann auch die Rote Karte. Erste Nachunternehmer sind bereits rausgeflogen. Etwa eine Firma, die Beschäftigte in Badelatschen auf Baggern mit tonnenschwerer glühender Schlacke herumhantieren ließ. Die Firma verlor den Werkvertrag, die Beschäftigten bekamen neue Jobs bei Thyssen-Krupp.

 

Bessere Gesetze nötig

Insgesamt ist schonvieles besser geworden. Dabei hat auch der Tarifvertrag zu Werkverträgen geholfen, den die IG Metall vor einem Jahr in der Stahlindustrie durchgesetzt hat und der Betriebsräten erstmals Mitsprache bei der Fremdvergabe gibt. Das Thema Werkverträge ist seither nach oben gerückt. Es gibt bessere Betriebsvereinbarungen und spezielle Ausschüsse. Auch die Beschäftigten sind sensibler geworden. Sie schauen genauer hin, wenn Fremdfirmen reinkommen. Und es gibt mehr Aktionen in den Betrieben. Doch heil ist die Welt noch lange nicht – auch nicht in Duisburg. Noch gibt es viele dunkle Flecken, mit unkontrollierten, unfairen und menschenverachtenden Arbeitsbedingungen, besonders wenn Fremdfirmen weitere Subfirmen und Subsubfirmen reinholen.

„Das ist nur sehr schwer restlos zu kontrollieren. Die Firmen nutzen jede Möglichkeit, um Kosten zu drücken – legal oder illegal, über Leiharbeit oder Werkverträge“, kritisiert Dieter Lieske, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Duisburg-Dinslaken. „Da gibt es keine schnelle Lösung. Das wird eher ein Marathon. Letztlich brauchen wir dazu endlich bessere Gesetze, die faire Regeln und Mitbestimmung Bei Werkverträgen festschreiben.“

 

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