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INSM-Kampagne

Äpfel und Birnen

Die neue Werkvertragslogik der Arbeitgeber

 

Eine Arbeitgeber-Kampagne behauptet plötzlich Ungeheuerliches. Verdienen Kollegen mit Werkverträgen tatsächlich "fast 1000 Euro" mehr als ihre armen Kollegen im Betrieb? Ein Blick in die Kalkulation zeigt: Man hat sich offenbar verlesen. Wir rechnen nochmal nach. 

 

 

Das sehen sogar wir ein: Arbeitgeber haben es nicht immer leicht. Arbeiter produzieren nicht nur, sie kassieren auch. Und Löhne kosten. Doch auf Lohnkosten muss ja niemand sitzenbleiben. Man kann sie schließlich drücken: Wichtige Arbeiten in der Werkshalle an externe Firmen zu vergeben, das geht. Und es ist bequem. Plötzlich gelten Tarife nicht mehr, die Sozialversicherung wird zur Nebensache und dass Kollegen am Band ganz unterschiedlich verdienen, darüber muss ja niemand reden oder gar streiten. Die Arbeitswelt der Werkverträge ist flexibel und unkompliziert. Nicht selten ist sie allerdings einfach nur ungerecht.

Nur können das die Arbeitgeber nicht zugeben. Wer redet schon gern vom Dumping? Das Arbeitgeberlager hat deshalb einen anderen Weg gewählt: Den klassischen Äpfel-und-Birnen-Trick. Nach dem Motto: Wenn den Apfel eigentlich keiner will, muss man ihn eben als Birne verkaufen.

 
Wie an der Obsttheke

Und der Trick geht so: Die von den Arbeitgebern finanzierte "Initiative neue soziale Marktwirtschaft" (INSM) hat eine Kampagne gestartet. Darin werden Werkverträge quasi als VIP-Lounge des deutschen Arbeitsmarkts präsentiert. Selbstständige Werkvertrag-Beschäftigte, so die INSM, verdienten "fast 1000 Euro mehr, als der Durchschnittsverdienst eines abhängig Beschäftigten". Als Quelle verweist die Lobby-Gruppe auf eine Studie der Hans-Böckler-Stiftung.

Das ist geschickt. Schließlich ist die Böckler-Stiftung das Mitbestimmungs-, Forschungs- und Studienförderungswerk des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB). Dumm nur, dass sich die INSM  bei der Studie bedient, als wäre es eine Obsttheke: Was schmeckt, wird mitgenommen, der Rest bleibt liegen. 

Die Studie beschreibt nämlich vor allem Handwerker (selbständige Werkvertragsnehmer) zum Beispiel Malermeister, oder Freiberufler wie IT-Experten und Bauingenieuren, die Werkverträge übernehmen. Dementsprechend sind die beschriebenen Selbständigen, "überwiegend männlich, älter, gut qualifiziert". Und verdienen entsprechend. Dafür arbeiten sie aber auch länger und müssen ihre Sozialversicherung selbst bezahlen. Die Arbeitsbedingungen von Bandarbeitern oder Angestellten bei Industrielogistikern werden gar nicht erhoben. Genau auf diese Beschäftigten zielt aber die Kampagne der IG Metall für eine bessere Regulierung von Werkverträgen.

 
Zweite Ernte

Offenbar trauen die Arbeitgeber ihrem Taschenspielertrick selbst nicht. Denn sie ziehen mit einem weiteren Argument aufs Äpfel-und-Birnen-Schlachtfeld. Diesmal an der Obsttheke: Oliver Zander, Hauptgeschäftsführer des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall. Er berichtet, dass trotz Werkverträgen die Zahl sozialversicherungspflichtiger Jobs in der Metall- und Elektroindustrie steigt. Das stimmt sogar. Die Zahl steigt. Allerdings steigt die Zahl der Werkverträge ebenfalls deutlich. 

Die Konjunktur in Deutschland läuft ordentlich, die Produkte der Industrie verkaufen sich gut. Das führt immer zu mehr Beschäftigung. In früheren Aufschwung-Phasen fiel dieser Aufbau allerdings viel größer aus. Diesmal ist das Plus bei den Normalarbeitsverhältnissen schwächer, weil der andere Teil der zusätzlichen Arbeit in den Aufbau ungesicherter Arbeitsverhältnisse fließt - zum Beispiel über Werkverträge.

 
Bericht aus der Praxis

Statt mit hoher Energie den alten Apfel- und Birnen-Trick in eine neue Dimension zu heben, sollten sich die Arbeitgeber einfach mal ansehen, was Deutschlands Betriebsräte berichten. Eine Umfrage der IG Metall unter mehr als 4000 Betriebsratsvorsitzenden hat ergeben, dass mehr als zwei Drittel der Betriebe Leistungen bei Fremdfirmen einkaufen. 

In fast drei Vierteln dieser Fälle arbeiten die Beschäftigten der Werkvertragsfirmen zu schlechteren Bedingungen als die Stammbelegschaft - niedrigere Löhne, längere Arbeitszeiten, weniger Urlaubstage. Die Betriebsräte kennen die Lage in ihren Unternehmen bestens. Ihre Antwort ist klar: Sie wollen mitentscheiden, an welchem Arbeitsplatz ein Werkvertrag sinnvoll ist und wo Festanstellungen unter ordentlichen Tarifbedingungen notwendig sind. Das führt zu Fairness, Motivation, guten Produkten und mehr guter Arbeit. 

Eigentlich ganz im Interesse der Arbeitgeber. Sie könnten dann auch endlich wieder ohne Gewissensbisse an die Obsttheke gehen.